Religion & Spiritualität |
Kultur- & Werterichtlinie ?

DIE ALTERNATIVE ZUM GLAUBEN

Atheismus ist die Alternative zum Gottesglauben, wenngleich die meisten AtheistInnen doch nicht vollkommen glaubenslos durchs Leben gehen. Auch sie glauben, z.B. an den schnöden Mammon, oder zumindest an die eigene Großartigkeit. Es ist dem Menschen nicht gegeben, vollkommen und absolut NICHTS zu glauben, da dies vollkommene Orientierungslosigkeit bedeuten würden, ausgelöst durch das Fehlen von Wertesystemen. Darüber hinaus würde jedes Verantwortungsbewusstsein ad absurdum geführt werden – es gäbe keine „Moral“, denn es ginge so und so nur um das Überleben des Stärkeren – und dafür müsste jedes auch noch so unmoralische Handeln zu rechtfertigen sein. Ohne Transzendenz wäre das Bewusstsein der absoluten Sinnlosigkeit allen Tuns die Folge, denn vor uns und nach uns gäbe es schlichtweg NICHTS. Daher glauben eben auch die hartnäckigsten AtheistInnen schlussendlich an irgendetwas – auch, wenn sie das nie zugeben würden.

GLAUBENSDEFINITION & GLAUBENSLEBEN

Paulus schrieb in seinem Brief an die Christen in Jerusalem: „Glaube aber ist: Feststehen in dem, was man erhofft – Überzeugtsein von Dingen, die man nicht sieht.“ (Heb. 11,1). Was bedeutet das? An einem praktischen Beispiel will ich versuchen, das Wesen des Glaubens verständlich zu machen:

  • Menschen glauben an ihre neue Eigentumswohnung. Es gibt sie nur auf Plänen und dort wo sie entstehen soll, ist ein großes Loch, in dem Arbeiter ein Fundament betonieren. Trotzdem planen sie ihre Einrichtung, gehen zu einem Tischler und holen Kostenvoranschläge ein. Sie zeigen dadurch, dass sie fest davon ausgehen, es würde genauso kommen, wie sie denken. Sie sind davon überzeugt, obwohl man die Wohnung noch nicht sieht – sie glauben.

Das mag als Illustration tauglich sein, was mit „Glauben“ gemeint ist: Durch bewusstes Wahrnehmen im täglichen Leben die Gewissheit zu spüren, dass nicht alles rund um uns einfach Zufall sein kann, dass nicht alles das Produkt von Willkür sein kann, sondern von unglaublicher Schönheit und Ordnung zeugt. So entsteht die innere Sicherheit, dass wir uns nicht selbst überlassen sind, nicht hoffnungslos dem Zufall ausgeliefert. Im Gegenteil: Wir können unser und das Leben unserer Mitmenschen bereichern und gestalten, im Bewusstsein, dabei von Werten geleitet zu werden, die eine übergeordnete Instanz für uns definiert und uns eingepflanzt hat. Ich weiß: Dieser Absatz klingt kompliziert, aber er drückt genau das aus, worum es geht – auch wenn man ihn vielleicht ein zweites Mal lesen muss…

Um die Wertschätzung für das Geschenk des Glaubens am Leben zu erhalten, bedarf es der aktiven Auseinandersetzung mit den uns grundlegend wichtigen Werten und dem Bewusstsein dafür, was das für unser Leben ganz praktisch bedeutet. Dadurch werden wir in die Lage versetzt, bewusst zu erleben, zu gestalten und uns selbst zu formen. All das hat nur wenig mit einer Institution zu tun, die erst jetzt ins Spiel kommt.

Der institutionelle Rahmen einer Gemeinschaft, einer „Kirche“ im Sinne der Wortherkunft (aus dem Griechischen „ekklesia“ = „Gemeinschaft“ und „kyriakon“, was „zum Herrn gehörend“ bedeutet), und der Definition des zweiten Vatikanischen Konzils („Kirche“ ist die gesamte Gemeinschaft der Gläubigen), schafft für uns Reflexionsräume – zeitlich und auch geografisch/baulich. Dadurch entstehen Möglichkeiten und Zeitfenster, die es durch den sogenannten Alltag schlichtweg nicht gibt. Wenn daher Menschen sagen, sie brauchen für ihren Glauben keine „Kirche“, dann mag das zwar emotional stimmen, aber bei genauer Nachfrage stellt man fest, dass sich die Wenigsten konsequent Räume für Stille, für Innehalten, für Nachdenken und für Vorausdenken schaffen – für all das, was vielen unter dem Begriff „Meditation“ nahbarer erscheint, als es der theologische Begriff „Gebet“ sein mag.

CONCLUSIO

Mir hilft Spiritualität, meine Wertesysteme fortlaufend in Frage zu stellen und zu entwickeln. Die Institution Kirche bietet mir einen organisatorischen Rahmen, der es mir ermöglicht, regelmäßig Zeit dafür zu reservieren und fördert das Bewusstsein, dass ich dieses Interesse mit vielen anderen teile. Sie gibt mir die Freiheit, verschiedensten Lehren, Handlungsweisen, Interpretationen, Meinungen und Behauptungen kritisch gegenüber zu stehen, sie zu diskutieren, zu akzeptieren und einige davon mitunter auch nicht zu teilen, und abzulehnen.

Diese Freiheit ist unschätzbar. Sie ist – wie jede andere Art der Freiheit auch – mit Menschenleben und hohem Blutzoll erkauft worden. Trotz all der fürchterlichen und absolut unentschuldbaren Verbrechen, die im Namen der Religion im Kampf um die Freiheit begangen wurden und auch heute noch immer begangen werden, bin ich froh, in einen christlich geprägten Teil der Welt geboren zu sein. Verglichen mit dem Verhalten anderer Religionen und Sekten auf der Erde und trotz der immer wieder entstehenden extremen Irritationspunkte, ist das Christentum trotz allem zur Wiege der Menschenwürde und Freiheit geworden.

Gläubig zu sein bedeutet heute schon lange nicht mehr, „hörig zu sein“, sondern betont die Freiheit, die es schätzen, zu schützen und als gottgewolltes Grundprinzip des Menschseins zu verteidigen gilt. Dieses Bewusstsein trägt mich durch mein Leben, durch Zeiten der Freude und Dankbarkeit, aber auch durch Zeiten von Depression und Entmutigung. Daraus erwächst für mich die Möglichkeit, mich mit der Endlichkeit des eigenen Seins auszusöhnen – weil etwas von uns bleibt und immer sein wird, über unser jetziges Sein hinweg.

EINE EINLADUNG

Ich ermutige alle, „Kirche“ heute (auch im Sinne von „Gemeinschaft“ wie oben beschrieben), aber auch Spiritualität und die dadurch freiwerdenden Energien wirklich zu „erleben“, denn Glaube ist ein Erlebnis! Bringen Sie sich nicht um diese besondere Erfahrung durch Vermutungen, oder auf der Grundlage jahrzehntealter Erzählungen – sondern aktualisieren wir unser Bild von der Kraft der Spiritualität im Hier und Heute! Eine Möglichkeit dafür ist die „Musica Sacra“, denn „Musik ebnet den Weg zu Gott“, wie es ein Papst treffend formuliert hat. Dazu lade ich Sie herzlich ein!

MEHR INFORMATION ZUR MUSICA SACRA

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